Denken wir doch an den Staatshaushalt. Überdenken wir die Abhängigkeiten gegenüber amerikanischen Konzernen. Erkennen wir die Chancen eines freien Zugangs zu Wissen. Oder die des gemeinsamen Arbeitens für etwas, das allen etwas bringt. Reden wir über Open Source Software und die Rolle des Staates, der es in der (öffentlichen) Hand hat, etwas Großes voranzutreiben.

Beginnen wir ideologisch: Software, dessen Quellcode offen ist, ist frei. Jeder kann sie nutzen, jeder – mit entsprechenden Fähigkeiten – kann sie verbessern, untersuchen, Sicherheitslücken schließen, oder sie für seine Zwecke adaptieren. Open Source Software ist Evolution: es entstehen Verästelungen und Mutationen, auf neue Umstände kann schnell reagiert werden. Sie folgt anderen Mechanismen, als es in der durch und durch patentierten parallelen Marktwirtschaft der Fall ist. Wo Unternehmen ganze Scharen von Anwälten gegeneinander aufhetzen, entstehen im Open-Source-Universum sich ergänzende Anwendungen, sich vervollständigende, ganz ähnliche, oder schlicht andere.

 

Das Open Source Betriebssystem Linux - und sein Maskottchen Tux

Tux, das Linux-Maskottchen von Larry Ewing, Simon Budig, Anja Gerwinski

Der Bund, die Länder, die Gemeinden, die Kindergärten, Schulen und Universitäten, die Ministerien, Bezirkshauptmannschaften, Gerichte und Ämter, alle diese Einrichtungen verwenden Computer, ja, verwenden Software. Das Betriebssystem ist zumeist Microsoft Windows, die Textverarbeitung und Tabellenkalkulation erledigt Microsofts Office-Suite. Das klingt normal. So gut wie jeder Nicht-Apple-Computer, den man kauft, hat Windows vorinstalliert, es ist das Betriebssystem, mit dem die meisten Menschen ihre erste Computer-Erfahrung machen. Wir kennen Windows und wenn wir an Linux denken, haben wir einen schwarzen Bildschirm mit grüner Monospace-Schrift im Kopf. Das macht uns Angst. Aber auch Linux und seine vielen Derivate haben sich weiterentwickelt. Sie haben grafische Oberflächen, die Mac OS oder Windows um nichts nachstehen. Und in der Post-Snowden-Ära ist es prinzipiell ein angenehmes Gefühl, den Quellcode der Programme einsehen zu können, denen man seine Daten anvertraut.

Doch Open Source Software  hat nicht nur Vorteile, wenn es um Datensicherheit oder um Ideologie geht, sondern auch wirtschaftliche. Windows ist nicht billig. Eine Windows Home Lizenz kann man um 135€ erstehen. Die Office Suite von Microsoft steht bei 100€ pro Jahr im Abo-Betrieb.
Unternehmen und Institutionen bekommen bessere Konditionen, aber selbst dann: es geht um zigtausende Computer, das sind zigtausende Lizenzen für Windows, zigtausende Lizenzen für Office-Programme. Das ist teuer. Und nach wenigen Jahren braucht man wieder Upgrades. Kostenpflichtig natürlich. Man begibt sich zudem in die Abhängigkeit von einem einzelnen Software-Giganten. Das ist für einen Staat nicht unbedingt klug.
Und dann gibt es Betriebssysteme, die gratis sind. Es gibt Office-Pakete, die gratis sind. Und deren Arbeitsweise, deren Umgang mit (unter Umständen sensiblen) Daten und deren potentielle Risiken nachvollzogen werden können.

Es gibt Dinge, die sind im Open-Source-Universum anders. Ungewohnt. Es gibt Betriebssysteme, die sehen nicht schön aus. Die Buttons des Open Source Office-Lösung Libre Office sehen nicht so knackig aus, wie die der Microsoft-Variante.
Aber – und hier trifft sich Ideologie und die praktische Vernunft – man kann das ändern. Nehmen wir die Millionen Euro, die die öffentliche Verwaltung für Microsoft Lizenzen ausgibt (allein für die Stadt Wien betrugen die Lizenzgebühren für die Microsoft-Office-Suite zwischen 2009 und 2012 etwa eine Million Euro), und stellen wir eine Handvoll engagierter, brillanter Software-Developer ein, die sich aktiv am Evolutionsprozess der quelloffenen Software beteiligen. Die mithelfen, die Software so zu machen, wie sie sein muss; die helfen, Kompatibilitätsprobleme in den Griff zu bekommen, oder Alternativen zu proprietären Anwendungen zu entwickeln.

Die Stadt Wien hat 2005 mit Wienux eine eigene Linux Distribution entwickelt, die für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung zum Einsatz kommen sollte. Wenige tausend Computer wurden umgerüstet, bzw mit Wienux als Wahlmöglichkeit ausgestattet, wenige Jahre später wurde das Projekt wieder abgebrochen. Manch benötigte Software läuft nur unter Windows, hieß es. Generell vermisste man etwas politische Entschlossenheit. Das ist schade. Gerade quelloffene Software stirbt und lebt mit der Menge an Nutzern, der Community sozusagen. 2009 hat der Wiener Gemeinderat dann beschlossen, wieder Microsoft Office Lizenzen zu kaufen. Das kostet viel Geld (die erwähnte Million), mit dem man schon auch mal an alternativen Anwendungen arbeiten könnte. Der Staat könnte – und sollte – sich aktiv für eine IT-Zukunft, die nicht in den alleinigen Händen von Microsoft, Apple und Google liegt, stark machen. Das alleine würde als Argument ja eigentlich schon reichen. Aber dass man damit auch nachhaltig (Steuer-)Geld sparen kann, macht die aktuelle Verweigerung von Open Source Software eigentlich doppelt so traurig.

Aber lassen wir diesen Artikel nicht traurig enden. Nehmen wir uns ein bisschen die Angst vor dem Unbekannten. Etwa zwei Drittel aller Webserver laufen mit einem unixoiden Betriebssystemen, wie etwa Linux eines ist. 489 der 500 schnellsten Computersyteme (also 97,8%) laufen unter Linux. Und wenn diese Supercomputer ein bisschen zu abstrakt sind und wir mit Webservern eigentlich nichts am Hut haben wollen, so greifen wir doch einfach zu unserem Smartphone. Etwa 3 von 4 nutzen nämlich Android . Ein Betriebssystem, das – wer könnte es ahnen – auf Linux basiert.

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