Menstruierende Frauen sind krank und Homosexuelle müssen sterben. Gesellschaftlicher Wandel, Aufklärung, Gleichberechtigung finden in den alten Schriften nur dann Platz, wenn diese dementsprechend interpretiert werden. Als zeitgemäßes Regelwerk sind sie also nur bedingt zu gebrauchen.

Kant war ein Rassist. Das muss man sich mal vorstellen. Der Indianer — ganz zu schweigen vom Neger — könne einfach intellektuell dem Weißen nicht das Wasser reichen.
Nun hat Kant mit seinem kategorischen Imperativ ein ethisch-moralisches Modell entwickelt, das es ermöglichen könnte, jedem ein Leben in Frieden zuzugestehen. Kant lebte im 18. Jahrhundert und ein vernünftiger Mensch, der ethische Fragen progressiv zu beantworten wusste, konnte durchaus Rassist sein. So war die Zeit nun mal.

Und damit sind wir schon am Punkt: Zeiten ändern sich. Mitunter rapide. Gut zwei Jahrhunderte später ist es undenkbar, dass jemand, der Ernst genommen werden will, behauptet, Neger wären dumm. Ähnlich verhält es sich mit den Frauen. Heute hört man nur noch aus ganz seltsamen Ecken Forderungen nach dem Weib, dessen Primäraufgabe zu sein hat, Kinder zu werfen und den Mann vom Druck zu befreien. Die Gleichberechtigung von Homosexuellen werden wir hoffentlich in den nächsten Jahren umsetzen.

Der Meier sah letztens einen Vortrag einer muslimischen Frau, die darüber sprach, wie wichtig für sie die Religion sei. Sie kämpft für die Rechte der Frauen in Libyen und benutzte für eine große Kampagne Textpassagen aus dem Koran. Desselben Korans, in dessen Namen über Jahrhunderte Frauen diskriminiert wurden. Es mögen auch Dinge im Koran stehen, die sich als Aufruf zu Gleichberechtigung lesen lassen, aber ebenso gibt es dort Dinge, die sich als das Gegenteil auffassen lassen („Eure Frauen sind euch ein Acker; so naht eurem Acker, wann und wie ihr wollt“ Sure 2:223). Aber wir müssen jetzt gar nicht über den Koran reden. Kehren wir doch vor der eigenen Türe. Wir finden auch in der heiligen Schrift der Christen interessante Formulierungen:

Die Frauen seien ihren eigenen Männern untertan, als dem Herrn;
denn der Mann ist des Weibes Haupt, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist;
(Epheser 5,22-23)

 

Wenn ein Mann bei einer männlichen Person schläft, als wäre es ein Weib, die haben beide einen Greuel getan, und sie sollen unbedingt sterben; (3 Mose 20,13)

 

Wenn ein Mann bei einer Frau liegt zur Zeit ihrer Krankheit und ihre Scham entblößt und ihren Brunnen aufdeckt, und sie den Brunnen ihres Blutes entblößt, so sollen beide aus ihrem Volk ausgerottet werden! (3 Mose 20,18)

 

Im Namen der Bibel wurde gemordet und geschlachtet. Und im Namen derselben Bibel verteilen Menschen Hilfsgüter an Menschen, die vor Mord und Abschlachtung fliehen. Religiöse Texte, die mitunter sehr alt sind, lassen Interpretationen zu, anders hätten sie sich nicht so lange halten können. Die Geburt Jesu, liegt etwa 2000 Jahre zurück. Das alte Testament wurde schon davor niedergeschrieben, das neue, in den Jahrhunderten danach. Die gesellschaftlichen Werte waren andere als heute. Sklaven waren normal und hatten nichts, aber auch gar nichts mit Nächstenliebe zu tun. Frauenrechte? Natürlich.

Und dann haben wir heute Menschen, die Ethik, Moral und Menschenliebe verkünden und sich auf Schriften beziehen, die aus einer Welt stammen, die wir uns heute gar nicht vorstellen können (geschweige denn wollen). Menschen, die sich auf Religion berufen, wenn es um gesellschaftliche Fragen geht. Man mag den Franzosen die Froschschenkel vorwerfen, die Revolution haben sie toll gemacht und damit die Trennung von Kirche und Staat ermöglicht. Fragen über die Rechte von Frauen und Männern, Heten und Homos, Wenig-, Mittel- und Starkpigmentierten, Klugen und Dummen, Gesunden und Kranken, Alten und Jungen, Menstruierenden und Nicht-Menstruierenden, Gläubigen, Anders- und Nicht-Gläubigen etc.  solle doch bitte der Staat regeln. Der Staat ist die richtige Adresse, wenn es um rationale Entscheidungen geht, die einen Rahmen aufspannen, in dem sich jeder Mensch frei entfalten können soll. Innerhalb dieses Rahmens darf natürlich jeder glauben, was sie/er will. Und auch wenn der Meier es schon komisch findet, dass man in seinem Lebensregelwerk die gesellschaftlichen Entwicklungen von etwa 2000 Jahren beiseite lässt, so haben wir zum Glück die Religionsfreiheit, die jedem Menschen dies erlaubt.
Übrigens: diese ist rechtsstaatlich umgesetzt.

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